Das Konzertstück für zwei Altsaxophone (1933) 
von Paul Hindemith. 
Entstehungsgeschichte - Differenzen zwischen Autograph und gedruckter Ausgabe. 

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in: rohrblatt, Schorndorf 9 (1994), 3, S. 96-98 

simon waldvogel
saxophon






Zur Entstehungsgeschichte 

Berlin - Anfang der 30er Jahre: die Hauptstadt des Deutschen Reiches stellte eines der wichtigsten musikalischen Zentren Europas dar. Im Musikleben Berlins wirkten in dieser Zeit bedeutende Musiker und Komponisten. Ferrucio Busoni hatte seit 1920 eine Kompositionsklasse an der Akademie der Künste geleitet, die nach seinem Tod von Arnold Schönberg weitergeführt wurde. Seit 1920 war Franz Schreker Direktor der Berliner Musikhochschule. Wilhelm Furtwängler war seit 1922 Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters. Seit 1923 leitete Erich Kleiber die Staatsoper, Bruno Walter von 1925 bis 1929 die Oper Charlottenburg. Otto Klemperer war seit 1927 an der Krolloper tätig. Ideale Voraussetzungen also für zahlreiche intensive und fruchtbare Begegnungen von Komponisten, Interpreten, Literaten und Geisteswissenschaftlern. 

Der damals als führender Komponist seiner Generation angesehene Paul Hindemith machte hier in Berlin die Bekanntschaft mit dem jungen, aber dennoch bereits bekannten Sigurt Rascher. Paul Hindemith, geboren 1895 in Hanau, hatte nach seiner musikalischen Ausbildung am Dr. Hoch´s Konservatorium in Frankfurt am Main und anschließenden Karriere als Geiger, Bratschist und Komponist seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt, um einer Berufung als Kompositionslehrer an die Berliner Musikhochschule zu folgen. 

Sigurt Rascher, geboren 1907 in einem Vorort von Wuppertal, war nach seinem Musikstudium in Stuttgart 1931 nach Berlin gekommen und übernahm schon bald darauf eine Saxophonpartie im Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Edmund von Borck, der bereits kurze Zeit später ein Saxophonkonzert für Rascher schrieb. Weitere Soloauftritte und Orchesterengagements folgten. Rascher spielte in "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek, "Dreigroschenoper" von Kurt Weill, "Sinfonia Domestica" von Richard Strauss, "Der Schmied von Gent" von Franz Schreker und in der Oper "Cardillac" von Paul Hindemith. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit unterrichtete er - wie auch Hindemith - an der städtischen Volksmusikschule. 

Für den jungen und ambitionierten Sigurt Rascher (im Laufe seines Lebens werden ihm Werke gewidmet von so bedeutenden Komponisten wie Glasunow, Ibert, F. Martin, Hába, Dahl, Larson u.a.) boten sich also ausreichende Gelegenheiten, den Kontakt zu Hindemith herzustellen, um ihn für sein Instrument zu interessieren und in der Hoffnung, dieser würde ein Stück für Saxophon komponieren. Bereits kurze Zeit später wurden die Erwartungen Raschers erfüllt und Paul Hindemith überreichte ihm im Juni 1933 das "Konzertstück für zwei Altsaxophone". Rascher besprach unmittelbar viele Details mit Hindemith und probierte sie sofort am Instrument aus. 

Über die Entstehung des Stücks schrieb Paul Hindemith am 17.Juni 1933 in einem Brief an den Schott Verlag in seiner ihm eigenen Art Humor: "... Ansonsten komponiere ich Lieder und habe als gymnastische Übung mal schnell ein größeres Saxophonduett gemacht."1 Rückschlüsse auf Qualität oder Bedeutung des Stückes lassen sich aus der kurzen Entstehungsdauer jedoch nicht ziehen, da Hindemith bekanntlich sehr schnell komponieren konnte. Seine Sonate für Kontrabaß und Klavier von 1949 schrieb er in wenigen Tagen, das Duett für Bratsche und Cello von 1934 entstand am Morgen der anschließenden mittaglichen Schallplattenaufnahme und für die "Trauermusik" für Bratsche und Streichorchester von 1936 benötigte Hindemith nicht mehr als sechs Stunden. 

Das Konzertstück für zwei Altsaxophone war nicht die erste Auseinandersetzung Paul Hindemiths mit dem Saxophon. Vor allem in der zweiten Hälfte der 20er Jahre hatte Hindemith bereits des öfteren das Instrument in seinen Stücken verwendet (siehe Verzeichnis unten). In der Zeitperiode von etwa 1920 bis 1930 strebten viele, hauptsächlich jüngere Komponisten - unter ihnen auch Hindemith - aus Protest gegen den verfilzten Charakter der traditionellen Kunstmusik und zur Lösung von ästhetischen Vorstellungen der Spätromantik und Moderne einen mittleren Stilhöhenbereich zwischen emphatisch-romantischer Kunst- und purer Trivialmusik an - der Bereich der "Mittleren Musik" entstand. Das Saxophon, das damals bereits mit Jazz, Revue- und Unterhaltungsmusik identifiziert wurde, war ein geeignetes Element zur Erreichung der genannten ästhetischen Zielsetzungen.

Einige Jahre später, im Entstehungsjahr des Konzertstücks 1933, herrschten bereits grundlegend veränderte gesellschaftliche Verhältnisse. Im Januar 1933 fand die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten statt und die bereits früher von rechtsstehenden Kulturorganisationen und Presseorganen geführten Angriffe gegen Hindemith waren ab diesem Zeitpunkt staatlich sanktioniert. Im April 1933 wurden die Hälfte seiner Werke als "kulturbolschewistisch" verboten (ein offizielles Aufführungsverbot aller seiner Werke folgte im Oktober 1936). Daß diese Entwicklung Paul Hindemith nicht unberührt ließ, zeigte sich in den seit Januar 1933 (also zeitgleich zum Konzertstück) entstandenen Liedern: "Mit der äußeren Gelassenheit können freilich nicht die Werke in Übereinstimmung gebracht werden, die er [Hindemith] seit Januar 1933 plötzlich zu schreiben beginnt: die Klavierlieder. ... Es sind Texte abgrundtiefer, kaum gemilderter Melancholie, die deutlich im Zeichen einer inneren Emigration von Hindemith vertont werden: Lieder des Innehaltens, des Besinnens im Angesicht von peinigenden Selbstzweifeln, offener Verzweiflung, von Vergänglichkeit, Alter und Tod"2. Bekanntlich emigrierte Hindemith schließlich 1938 in die Schweiz, später dann in die USA. 

Auch Sigurt Rascher blieb nicht unbetroffen von den gesellschaftlichen Veränderungen und entschloß sich, am 9.Oktober  1933 Deutschland zu verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich mangels eines geeigneten zweiten Saxophonisten keine Möglichkeit ergeben, das Stück der Öffentlichkeit zu präsentieren. Einen Rascher geeignet erscheinenden Duopartner fand er erst 1960 in seiner Tochter Carina, mit der er am 29.Juli 1960 im Staate New York, USA das Werk uraufführte. Rascher wollte es nun endlich dem Komponisten selbst zu Gehör bringen, setzte es auf das Programm für ein Konzert in Zürich am 6.März 1964 und ließ über Paul Sacher Hindemith einladen, der nach seinem Exil in den USA 1953 in die Schweiz umgesiedelt war. Hindemith, erfreut darüber, das Stück erstmals hören zu können, nahm die Einladung an, verstarb jedoch im Dezember 1963. 

1) Brief vom 17.6.1933 an den Schott Verlag; zitiert nach Kopien im Paul-Hindemith-Institut, Frankfurt/Main 
2) Giselher Schubert in: Andres Briner, Dieter Rexroth, Giselher Schubert, "Paul Hindemith - Leben und Werk in Bild und Text", Zürich und Mainz 1988, S. 138 f. 
 

Quellenangaben: 

-Andres Briner, Dieter Rexroth, Giselher Schubert, "Paul Hindemith - Leben und Werk in Bild und Text", Zürich und Mainz 1988 
 -"Erprobungen und Erfahrungen. Zu Paul Hindemiths Schaffen in den Zwanziger Jahren", hrsg. v. D. Rexroth, Mainz 1981 
-Hermann Danuser, "Die Musik des 20. Jahrhunderts" (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Bd. 7), Laaber 1984 
-Andres Briner, "Paul Hindemith", Zürich 1971 
 -Jacques Charles, "Sigurt Manfred Rascher - Esai de biographie" in: "Le Saxophone - Dossier 1", Publikation des Association des Saxophonistes de France (ohne Angabe von Ort und Jahr) 
-Sigurt M. Rascher, "A `New´ Work by Paul Hindemith for Saxophone" in: "The Instrumentalist" 11/1976 
-Sigurt M. Rascher, "A Few Words About The KONZERTSTÜCK And Its Composer", Kommentar zur Ausgabe des Konzertstücks bei McGinnis & Marx, New York, 2.1.1975
 
 

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Verzeichnis der Werke Paul Hindemiths mit Saxophon:
(Quelle: Briner, Rexroth, Schubert, "Paul Hindemith - Leben und Werk in Text und Bild, siehe Quellenverzeichnis) 
 

1. Opern:

Cardillac, op. 39 (1925-1926), Neufassung (1952) - Tenorsaxophon 
Hin und zurück, op. 45a (1927) - Altsaxophon
Neues vom Tage, (1928-1929), Neufassung (1953-1954) - Altsaxophon 
Der Lindbergflug, (1929) - Altsaxophon 
 

2. Orchesterwerke:

Neues vom Tage, (1930) - Altsaxophon 
Symphony in B flat for Concert Band, (1951) - 2 Altsaxophone, Tenorsaxophon, Baritonsaxophon 
 

3. Konzertmusiken: 

Konzertmusik für Blasorchester, op. 41, (1926) - 2 Sopran- oder 1 Sopran- und 1 Altsaxophon, 2 Tenorsaxophone - alternativ zu den Flügel- und Tenorhörnern 
 

4. Kammermusik:

Trio für Klavier, Bratsche und Tenorsaxophon (oder Heckelphon), op. 47, (1928) 
Konzertstück für zwei Altsaxophone, (1933) 
Sonate für Altsaxophon (oder Althorn) und Klavier, (1943) 
 

5. Übungsstücke:

Übungsstück für das Räuberorchester in der Hochschule, (1932) - Saxophon 
 

6. Parodiestücke: 

Tipopo-Regiments-Marsch, (1922, Bearbeitung für Ensemble 1924) - Sopran- und Tenorsaxophon 
Zwei Shimmis, (1924) - Saxophon 

(Ab Opus 50 verwendet Hindemith keine Opuszahl mehr). 

Abweichungen zwischen Autograph und der Ausgabe des Schott-Verlags:

Das Konzertstück wurde erstmals 1970 von Sigurd Rascher bei McGinnis & Marx, New York, veröffentlicht (diese Ausgabe darf in Deutschland nicht verkauft werden). Eine zweite Ausgabe wurde 1983 vom Schott-Verlag, Mainz, herausgegeben. Beide Ausgaben konnten aufgrund der späten Erscheinungsjahre nicht mehr von Hindemith korrekturgekesen werden. Ausschlaggebend ist daher das einzige existierende Autograph des Stückes, das von Hindemith im Jahre 1933 Rascher übergeben wurde und nach dem beide Ausgaben erstellt wurden. Eine Photokopie dieses Autographen befindet sich im Archiv des Paul-Hindemith-Instituts in Frankfurt am Main.  Im Vergleich des Autographen mit der erhältlichen Ausgabe des Schott-Verlags sind einige Abweichungen festzustellen. Im folgenden werden die entsprechenden Stellen aufgeführt, wie sie jeweils im Autograph notiert sind - ergänzt durch einige Anmerkungen des Autors.
 
 

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